Wie ein Kunstwerk entsteht – zwischen Atelier, Material und Raum

Andreas Bünter // 25/08/2026  

Manchmal besteht der wichtigste Arbeitsschritt in meinem Atelier nicht darin, noch etwas hinzuzufügen.

Sondern darin, etwas wieder wegzunehmen.

Eine Fläche kann interessant sein und trotzdem zu laut werden. Eine Farbe kann für sich funktionieren und trotzdem die Balance im ganzen Bild stören. Dann übermale ich eine Stelle, kratze sie zurück oder lasse von einer ursprünglich sichtbaren Schicht nur noch eine Spur stehen.

Genau dieser Moment sagt viel darüber aus, wie ein Kunstwerk entsteht.

Meine Bilder entwickeln sich nicht nach einem festen Rezept. Sie entstehen aus Beobachtung, Material, Veränderung und vielen Entscheidungen. Und für mich endet dieser Prozess nicht an der Kante der Leinwand.

Denn irgendwann kommt ein zweiter Kontext hinzu: der Raum.

Mich interessiert, was unter der Oberfläche liegt

Viele Ausgangspunkte meiner Arbeit finde ich in der Natur.

Nicht unbedingt als Motiv, das ich naturgetreu malen möchte. Mich interessieren stärker die Strukturen dahinter: Wiederholungen, Übergänge, Brüche, Schichtungen und Rhythmen.

Eine Wasseroberfläche kann vollkommen ungeordnet erscheinen und trotzdem einem Muster folgen. Landschaften verändern sich und behalten gleichzeitig charakteristische Linien. In Pflanzen, Gestein, Fellen oder Federn tauchen Strukturen auf, die sich wiederholen, ohne je identisch zu sein.

Mich beschäftigt dieser Gegensatz.

Ordnung und Veränderung.

Ruhe und Bewegung.

Kontrolle und Zufall.

Vielleicht hat das auch mit meiner eigenen Geschichte zu tun. Neben meiner künstlerischen Arbeit bringe ich mehr als 30 Jahre unternehmerische und projektbezogene Erfahrung mit. In dieser Welt ging es oft darum, aus vielen Informationen Zusammenhänge zu erkennen und unter nicht immer perfekten Voraussetzungen Entscheidungen zu treffen.

Im Atelier begegnet mir etwas Ähnliches.

Nur geschieht es dort mit Farbe, Material und Form.

Ein Bild wird aufgebaut – und wieder freigelegt

Meine Arbeiten entstehen überwiegend in Mixed Media. Das bedeutet, dass verschiedene Materialien und malerische Techniken innerhalb eines Originals zusammenkommen.

Eine Acryl-Untermalung kann den ersten farblichen oder kompositorischen Boden schaffen. Darüber entstehen weitere Bereiche mit Ölfarbe, Collage und strukturierter Oberfläche.

In ausgewählten Arbeiten verwende ich reale Schweizer topografische Karten oder alte handschriftliche Postkarten.

Mich interessieren solche Elemente nicht als Dekoration.

Eine Karte trägt bereits Linien, Informationen und Spuren eines Ortes in sich. Eine alte Handschrift verweist auf einen Menschen und einen vergangenen Moment. Wird ein solches Material teilweise übermalt, bleibt nicht mehr alles lesbar. Aber etwas davon bleibt gegenwärtig.

Auch Farbe wird nicht einfach Schicht für Schicht sauber darübergelegt.

Manche Bereiche bleiben transparent. Beim Lasieren werden dünne Farbschichten aufgetragen, durch die darunterliegende Teile weiterhin sichtbar sind. Andere Stellen erhalten einen kräftigeren Farbauftrag oder eine deutlichere Struktur.

Und manches verschwindet wieder.

So bleibt die Entstehung eines Bildes teilweise sichtbar.

Das ist für mich ein wichtiger Teil eines Originals.

Nicht jede Entscheidung muss sichtbar bleiben

Es gibt eine Vorstellung vom Künstler, die ich etwas zu romantisch finde: Der richtige Einfall kommt, der Pinsel folgt der Inspiration, und irgendwann steht das fertige Werk da.

Mein Prozess funktioniert anders.

Ich probiere aus.

Ich betrachte.

Ich verändere.

Und ich verwerfe auch Entscheidungen.

Wenn eine Komposition zu unruhig wird, muss nicht zwingend noch etwas fehlen. Vielleicht ist bereits zu viel da.

Dann beginnt die Reduktion.

Eine Fläche wird ruhiger. Ein Kontrast verschwindet. Eine Linie wird unterbrochen. Ein Bereich wird abgeschabt oder übermalt.

Gerade diese früheren Entscheidungen können als kleine Spuren im Werk bestehen bleiben.

Das interessiert mich mehr als eine vollkommen makellose Oberfläche.

Denn ein Original darf zeigen, dass es entstanden ist.

Wann ist ein Bild fertig?

Diese Frage ist erstaunlich schwierig.

Technisch könnte man an einem Bild fast immer weiterarbeiten.

Hier noch etwas Farbe.

Dort noch ein Akzent.

Eine weitere Linie.

Eine weitere Textur.

Aber mehr bedeutet nicht automatisch besser.

Für mich kommt irgendwann ein Punkt, an dem Farbe, Form, Struktur und Material miteinander eine Balance gefunden haben. Dann würde ein weiterer Eingriff das Bild nicht mehr stärken.

Vielleicht würde er es sogar schwächen.

Diesen Punkt kann man nicht mit einer Checkliste bestimmen. Man muss lernen, ihn wahrzunehmen.

Und manchmal bedeutet die richtige Entscheidung dann tatsächlich:

aufhören.

Im Raum beginnt eine neue Beziehung

Wenn ein Werk im Atelier fertig ist, ist es für mich trotzdem noch nicht vollständig erklärt.

Denn dort steht es zunächst in seiner eigenen Welt.

Sobald es in einen Wohnraum, ein Büro, einen Empfang oder einen Besprechungsraum kommt, verändern sich die Beziehungen.

Eine Farbe steht plötzlich neben Holz, Stein oder einem Stoff.

Das Format trifft auf eine bestimmte Wandfläche.

Eine dunklere Partie reagiert auf das vorhandene Licht.

Strukturierte Stellen können morgens anders wahrgenommen werden als am Abend, weil das Licht über die Oberfläche wandert.

Deshalb interessiert mich bei Kunst nicht nur die Frage:

Gefällt mir dieses Bild?

Ich finde eine zweite Frage mindestens so interessant:

Was geschieht zwischen diesem Bild und diesem Raum?

Ein Werk muss nicht zur Einrichtung passen

Dabei geht es nicht darum, für ein beiges Sofa ein beiges Bild zu suchen.

Ein Raum wird nicht automatisch besser, nur weil sich jede Farbe wiederholt.

Ein Original kann vorhandene Materialien aufnehmen. Es kann aber genauso sinnvoll sein, einen Gegenpunkt zu setzen.

Ein sehr reduzierter Raum verträgt vielleicht mehr Bewegung.

Ein Raum mit vielen Materialien und starken architektonischen Linien braucht möglicherweise weniger davon.

Entscheidend ist nicht, dass alles «zusammenpasst».

Entscheidend ist für mich, dass eine Beziehung entsteht.

Zwischen Werk, Wand, Möbeln, Licht und Architektur.

Und natürlich auch zwischen dem Werk und den Menschen, die täglich dort leben oder arbeiten.

Vielleicht ist das der Grund, warum mich Räume so interessieren

Ich verstehe meine Arbeit nicht als vollständige Innenarchitektur.

Meine Perspektive beginnt beim Kunstwerk.

Aber ich möchte verstehen, wo dieses Werk später lebt.

Wie gross ist die Wand?

Was befindet sich daneben?

Aus welcher Entfernung sieht man das Bild?

Kommt man frontal darauf zu oder erscheint es erst seitlich in einer Blickachse?

Welche Materialien bestimmen den Raum bereits?

Solche Fragen verändern die Auswahl.

Ein gutes Werk kann eigenständig stark sein und trotzdem für einen bestimmten Raum nicht die richtige Entscheidung darstellen.

Das ist kein Widerspruch.

Es zeigt vielmehr, dass Kunst und Raum zwei eigenständige Dinge sind, die miteinander in einen Dialog treten müssen.

Eine Visualisierung kann helfen – aber sie ersetzt das Original nicht

Gerade bei Format, Position und Farbwelt kann eine illustrative Raumvisualisierung eine wertvolle Entscheidungshilfe sein.

Sie kann zeigen, ob ein Werk an einer Wand zu klein wirkt, wie sich unterschiedliche Positionen unterscheiden oder ob eine Farbwelt grundsätzlich mit dem Raum kommuniziert.

Aber eine Visualisierung bleibt eine Annäherung.

Bildschirm, Perspektive, Licht und Darstellung können vom tatsächlichen Raum abweichen. Auch die reale Oberfläche eines Mixed-Media-Originals lässt sich auf einem Bildschirm nur begrenzt wiedergeben.

Deshalb ist für mich wichtig, diese Grenze offen zu lassen.

Eine Visualisierung hilft beim Denken.

Das Original entscheidet sich im wirklichen Raum noch einmal neu.

Was meine Kunst über mich erzählt

Ein Künstlerprofil besteht für mich nicht nur aus Ausbildung, Stationen und einer Liste von Ausstellungen.

Interessanter finde ich die Frage, wie jemand arbeitet und welche Entscheidungen sich durch seine Werke ziehen.

Bei mir ist es die Suche nach Ordnung, ohne alles kontrollieren zu wollen.

Das Interesse an Spuren und Veränderungen.

Die Verbindung von strukturiertem Vorgehen und Offenheit während des Malens.

Und wahrscheinlich auch eine gewisse Zurückhaltung gegenüber dem schnellen Effekt.

Ein Bild muss für mich nicht in den ersten Sekunden alles erzählen.

Ich mag Arbeiten, in denen man später noch etwas entdeckt: eine Linie unter einer Farbschicht, ein Stück Karte, eine Handschrift, eine Kante oder eine Oberfläche, die sich mit verändertem Licht anders zeigt.

Vielleicht entsteht gerade daraus eine längerfristige Beziehung zu einem Original.

Nicht weil ein Bild jeden Tag gleich wirkt.

Sondern weil es das nicht tut.

Das Atelier ist deshalb ein guter Ort, Kunst kennenzulernen

Auf einer Website sehen Sie ein Werk als Fotografie.

Im Atelier sehen Sie seine Oberfläche, seine Kanten, seine tatsächliche Grösse und die Unterschiede zwischen glatten, lasierten und stärker strukturierten Bereichen.

Und Sie sehen den Ort, an dem diese Arbeiten entstehen.

Für mich ist das eine andere Art, Kunst kennenzulernen.

Weniger als Auswahl aus einem Katalog.

Mehr als Begegnung mit einem Werk und seinem Entstehungsprozess.

Wenn Sie meine Arbeiten und ihre Materialität im Original kennenlernen möchten, können Sie einen Atelierbesuch in Ennetbaden nach Vereinbarung anfragen.